Inside Monsieur Tortue #1

Wie aus einem alten Bus mein Zuhause wurde

Wer hier öfter vorbeischaut, wird ihm immer wieder begegnen.

Monsieur Tortue.

Mein treuer, inzwischen dreißig Jahre alter VW T4. Manchmal Bus. Manchmal Büro. Manchmal Nähzimmer. Manchmal Schreibstube. Manchmal Tonstudio. Und seit einigen Monaten einfach mein Zuhause.

Als ich beschlossen habe, für mehrere Monate nach Frankreich aufzubrechen, war ziemlich schnell klar: So wie er war, konnte Monsieur Tortue nicht bleiben.

Also begann ein kleines Abenteuer.

Ich habe Schränke gestrichen, Türen bemalt, Regale angepasst und ein Bett gebaut. Jedes Brett wurde mehrfach in die Hand genommen, viele Schraube verbraten und jeder Zentimeter überlegt. Denn in so einem Bus zählt plötzlich wirklich jeder Zentimeter.

Es ist erstaunlich, wie kreativ man wird, wenn auf vier Quadratmetern alles seinen Platz finden muss.

Dann kam der Tag vor der Abreise.

Eigentlich der Moment, an dem man entspannt die letzten Taschen packt.

Bei mir nicht.

Mein Zündschloss war schon vorher defekt. Die Werkstatt hatte allerdings erst einen Tag vor der Abreise Zeit, ein neues einzubauen. Ganz entspannt … also zumindest fast.

Am nächsten Morgen rollte Monsieur Tortue los.

Und seitdem tut er genau das.

Er läuft.

Und läuft.

Und läuft.

Über Landstraßen, durch kleine französische Dörfer, entlang der bretonischen Küste und manchmal auch einfach dahin, wo das Navi und die Neugier gleichzeitig hinzeigen.

Mit über dreißig Jahren auf dem Buckel macht er das mit einer Gelassenheit, die ich ziemlich bewundere. Natürlich knarzt hier und da mal etwas. Natürlich hat er seine Eigenheiten. Aber genau die gehören inzwischen einfach dazu.

Fast noch spannender als der Umbau war allerdings das Packen.

Ich stand irgendwann vor einem Berg aus Dingen und fragte mich ernsthaft, wie das alles in einen Bus passen sollte.

Da war meine Nähmaschine.

Eine Kiste voller Stoffe, Bänder, Knöpfe und anderer Schätze, von denen man grundsätzlich erst Wochen später merkt, wie froh man ist, sie doch eingepackt zu haben.

Mehrere Kisten mit Schreibzeug, Notizbüchern und Büchern.

Stifte zum Zeichnen. Aquarellfarben. Pinsel.

Stativ. Laptop. Mikrofone.

Und tatsächlich auch ein kleines Tonstudio. (Ganz neu dabei)

Denn wenn unterwegs Ideen entstehen, möchte ich sie nicht erst Monate später festhalten.

Zwischendurch sah es ehrlich gesagt so aus, als würde entweder ich oder mein Gepäck mitfahren.

Beides schien zeitweise keine Option zu sein.

Irgendwie hat am Ende doch alles seinen Platz gefunden.

Heute weiß ich manchmal selbst nicht mehr, wo genau. Aber erstaunlicherweise finde ich meistens genau das wieder, was ich suche. Nur eben selten beim ersten Griff.

Wenn ich morgens die Schiebetür öffne und den ersten Kaffee in der Hand halte, fühlt sich Monsieur Tortue längst nicht mehr wie ein Fahrzeug an.

Er ist mein kleines kreatives Universum geworden.

Hier entstehen Bücher.

Hier werden Kostüme geplant.

Hier werden Ideen eingesprochen, Stoffe zugeschnitten, Blogartikel geschrieben und manchmal einfach nur dem Regen auf dem Dach gelauscht.

Vielleicht ist genau das das größte Wunder an diesem alten Bus.

Er bringt mich nicht nur von A nach B.

Er gibt meinen Geschichten jeden Tag ein neues Zuhause.

Und ich habe das Gefühl, wir sind noch lange nicht am Ende unserer gemeinsamen Reise.

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